Fünf Jahre Internationale Klasse – und wie geht es weiter??

Fünf Jahre Internationale Klasse – und wie geht es weiter??


Freitag, der 9.Juli 2021 war der letzte Schultag. Das wurde in einem Abschlussfest gemeinsam mit rund 40 Gästen gefeiert. Zunächst gaben die beiden Klassenlehrerinnen einen Überblick über das Schuljahr, das ja in weiten Teilen durch die jeweils wechselnden Corona-Vorschriften sehr beeinträchtigt war: Distance Learning ohne geeignete Infrastruktur in den Unterkünften, dann Unterricht in Kleingruppen und mit Maskenpflicht, keine klassenübergreifenden Praktika mit den österreichischen Schülerinnen und Schülern – viele ausführliche und bebilderte Einzelberichte aus dem abgelaufenen Schuljahr gibt es hier auf unsere Homepage. Unter der Corona-Pandemie hat bei so manchem Schüler die „Frequenz des Schubesuchs“ gelitten. Dennoch hat auch diesmal ein Schüler alle Prüfungen für den österreichischen Pflichtschulabschluss geschafft – Gratulation! Alle anderen bekamen eine verbale Beurteilung ihrer jeweils sehr unterschiedlichen Leistungen. Trotz all dieser Schwierigkeiten konnte das Fest einen eindrucksvollen Querschnitt aus dem

Unterricht bieten:
Den Klassenlehrerinnen Hannah Jordis und Birgit Schmerfeld sowie den Fachlehrerinnen Franziska Frischknecht (Eurythmie), Christine Reiter (Englisch) und Clementine Fuchs (Musik) sei ausdrücklich für die Vorbereitung des Programms und allen Schülern der Internationalen Klasse für die konzentrierte Präsentation gedankt!

Danach gab es einen Rückblick auf das Entstehen der flüchtlingspädagogischen Initiative – nachzulesen im Juni-Newsletter 2015, also noch vor Beginn der sogenannten „Flüchtlingswelle“ im Herbst 2015! Und es gab auch einen Rückblick auf die ersten fünf Jahre der Internationalen Klasse – dies ist im Detail nachzulesen in einem eigenen Bericht auf unserer Homepage. Daher seien hier nur die wichtigsten Fakten kurz zusammengefasst:

  • seit 2016/17 wurden in der Internationalen Klasse rund 175 junge Menschen ganz unterschiedlicher Vorbildung aus Afghanistan, Bangladesh, Gambia, Irak, Iran, Pakistan und Somalia betreut. In jedem Jahr gelang es, einige von ihnen zum österreichischen Pflichtschulabschluss zu führen und so manchen auch eine Lehrstelle zu vermitteln, solange dies rechtlich noch möglich war.
  • Die Internationale Klasse wurde von der steirischen Bildungsdirektorin als ein flüchtlingspädagogisches Projekt mit Vorbildcharakter bezeichnet, das in dieser ganzheitlichen Form bisher an keiner anderen Schule in der Steiermark umgesetzt wird.
  • Das Mindestbudget für ein Schuljahr (Personalkosten, Sachaufwand, Schülerfahrtkosten, Essenskosten, Exkursionen) betrug rund € 100.000,–. In den ersten beiden Schuljahren erhielten wir Förderungen des Landes Steiermark und eine einmalige Unterstützung der Stadt Graz. Seit 2018/19 finanzierte SEKEM-Österreich das Projekt ausschließlich über Crowdfunding und über Spenden aus der Zivilgesellschaft sowie mit großem ehrenamtlichen Einsatz. Für die Schuljahre 2018/19, 2019/20 und 2020/21 bekamen wir trotz vielfacher Anträge keinerlei Förderung der öffentlichen Hand – nur in diesem Schuljahr erhielten wir eine einmalige Subvention in Höhe von € 3.000,– durch das Kulturreferat der Stadt Graz zur Umsetzung interkultureller Projekte.

Im Schuljahr 2020/21 hatte sich – nicht nur wegen Corona – Wesentliches geändert:

  • die ursprüngliche Zielgruppe unseres Projekts – jugendliche Flüchtlinge, die nicht mehr schulpflichtig sind, aber keinen Schulabschluss haben – also eine Altersgruppe zwischen 16 und etwa 22 Jahre – gibt es im Grazer Raum nicht mehr, weil ja praktisch keine jugendlichen Flüchtlinge mehr nach Österreich kommen. In diesem Schuljahr waren die Schüler bis zu 26 Jahre alt, was abgesehen von den Corona-Vorschriften gemeinsamen Unterricht mit der wesentlich jüngeren Schülergruppe in der Oberstufe der Freien Waldorfschule Graz pädagogisch schwierig und problematisch gemacht hätte. Außerdem ist das primäre Ziel jener jungen Männer heute nicht ein Bildungsabschluss, sondern das Finden eines geeigneten Arbeitsplatzes.
  • Bei der Finanzierung hatten wir zunächst ab Jahresende 2020 dank der Hilfe der parlamentarischen Schulsprecher/in der beiden Regierungsparteien die Chance, durch das Bildungsministerium eine maßgebliche Förderung aus Mitteln der Erwachsenenbildung zu erhalten. In den konkreten Verhandlungen stellte sich aber heraus, dass dies nur dann möglich wäre, wenn wir unseren Lehrplan an die staatlichen Vorgaben für vergleichbare Einrichtungen, z.B. ISOP oder Urania anpassen. Dadurch würden allerdings die künstlerisch-handwerklich-praktischen Fächer wegfallen, und es wäre auch keine individuell-leistungsbezogene Verschränkung mit den Oberstufenklassen möglich. Damit würde aber der ganzheitliche Charakter , den die Bildungsdirektorin ausdrücklich wertgeschätzt hatte (siehe oben!) und den wir als intergrationsförderndes Element für unverzichtbar halten, wegfallen. In intensiven Beratungen mit der pädagogischen Konferenz der Internationalen Klasse wurde daher entschieden, dass aus inhaltlichen Gründen diese Förderungsbedingungen für uns wenig zielführend sind und damit leider nicht annehmbar waren.
  • Zusätzlich kam noch im Frühjahr die Mitteilung der Caritas, dass sie ab sofort mangels verfügbarer Mittel nicht mehr die anfallenden Schülerfahrtkosten unterstützen könne, wie sie es seit Jahren getan hatte. Das ist ein sehr großer Kostenfaktor – siehe bei Interesse hier dazu Details.

Aufgrund dieser inhaltlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten musste sich SEKEM-Östereich in Absprache mit der Freien Waldorfschule dafür entscheiden, dass ab Herbst 2021 die Internationale Klasse in der bisherigen Form vorläufig nicht weitergeführt werden kann.

Aber natürlich geben wir unsere interkulturellen Ziele nicht auf, nur müssen wir dafür andere Formen finden. Das werden wir intensiv beraten und dann der Öffentlichkeit vorstellen – vorläufig haben wir für unsere Vorhaben folgenden Arbeitstitel:

 Begegnung von Orient und Okzident – von Jugend an!

Ein erstes konkretes Projekt ist bereits fixiert und konnte bei der Schulabschlussfeier schon vorgestellt werden:

Omid, ein Absolvent der Internationalen Klasse hat nicht nur seinen österreichischen Pflichtschulabschluss gemacht, sondern inzwischen auch gemeinsam mit seiner Familie im vorigen Dezember rechtskräftig Asyl erhalten. Wegen der Asylerteilung mussten sie alle das bisherige Flüchtlingsquartier in Leibnitz verlassen und nach Graz übersiedeln, wo sie von einer österreichischen Patenfamilie unterstützt werden. Die jüngeren Brüder von  Omid sind Erfan (10 Jahre) und Rohid (15 Jahre). Beide wurden über Vermittlung einer ehrenamtlichen Lehrerin unserer Internationalen Klasse in die 3. und 8. Klasse der Waldorfschule Karl Schubert Graz aufgenommen. SEKEM-Österreich hat zugesagt, für diese beiden Jugendlichen das monatliche Mindestschulgeld aufzubringen. Wir halten das für ein ideales weiterführendes Projekt unserer Internationalen Klasse. Weitere Vorhaben werden sicher folgen und so hoffen wir, dass unser Umfeld Derartiges weiterhin mit Spenden tatkräftig unterstützen wird. Wir werden im Rahmen unserer Newsletter Sie immer auf dem Laufenden halten!

Nach Rückblick und Vorschau auf Neues sowie Dank an alle, die zum Erfolg beigetragen haben, hatte die Internationale Klasse die Gäste zu einem wunderbaren afghanischen Buffet eingeladen – so konnte die Feier bei anregenden Gesprächen ausklingen:

 

Hermann Becke, 20.7.2021

Eine reiche Auswahl mit weiteren Fotos findet sich hier in einer eigenen Fotoleiste: